Jelly (Weich-PVC)

Ich habe diesen Artikel lange vor mir hergeschoben, weil ich so gar keine Lust hatte, über etwas zu schreiben, das mir zuwider ist. Denn ich bin ein dermaßen leidenschaftlicher Jelly-Hasser, dass ich eigentlich nur davon abraten möchte, so einen Schrott zu benutzen!

Andererseits sind Sexspielzeuge aus Jelly nun mal billig, weshalb ich gut verstehen kann, dass vor allem Anfänger/innen gern zu diesen Sachen greifen. Denn wer gerade beginnt, sich mit dem eigenen Körper und/oder Toys auseinanderzusetzen, kann meist noch gar nicht wissen, was sie/er eigentlich genau mag. Und natürlich will man dermaßen unbeleckt nicht gleich zu hochwertigen und entsprechend preisintensiven Toys greifen, mit denen man leicht Gefahr läuft, viel Geld für etwas auszugeben, das nicht zu den eigenen Bedürfnissen passt.1

Anstatt ausschließlich für eine pauschale Verteufelung von Jelly-Produken zu werben, möchte ich nach derartigen Überlegungen für zweierlei plädieren:

1. dafür, dass Ihr schleunigst herausfindet, was Ihr an Eurem Jelly-Toy mögt und was nicht. Sobald Ihr das wisst, besorgt ihr Euch etwas Passendes aus gesundheitsverträglichem Material!

2. Solange Ihr ein Jelly-Spielzeug benutzt, solltet Ihr Euch, so gut wie möglich vor den Gefahren schützen, die von diesem Material für Eure Gesundheit ausgehen!

Dennoch! Ich kann nicht anders: Jelly ist giftig und porös, und Ihr solltet am allerbesten …

… die Finger davon lassen! – Warum?
Jelly enthält giftige Weichmacher (Phthalate)

Jelly ist mit Weichmachern versetztes PVC. PVC ist normalerweise ein harter Kunststoff, kann aber durch Weichmacher biegsam und sogar knautschig weich werden. Als Weichmacher werden Phthalate eingesetzt, die in vielen relevanten Bereichen unseres alltäglichen Lebens schon längst nicht mehr vorkommen dürfen. So sind sie seit 2004 in Medizinprodukten, im Lebensmittelbereich und in Kinderspielzeug per EU-Beschluss verboten. Aber in anderen Erzeugnissen, die mit unseren ebenso empfindlichen wie aufnahmefähigen Schleimhäuten in Kontakt kommen, sind sie rätselhafterweise weiterhin erlaubt.

Phthalate sind chemische Verbindungen, die, wie gesagt, dafür sorgen, dass hartes PVC weich wird. In manchen Produkten machen sie bis zu 30 % des Volumens aus. Sie dünsten aus, werden von den Schleimhäuten (Mund, Nase, Darm, Vulva und Vagina, Eichel) aufgenommen und gelangen so in unseren Körper, wo sie alles Mögliche anstellen können. Kurzfristige Hautirritationen (Brennen, Jucken, Rötung, Bläschen) sind dabei noch das Harmloseste.
Weitere mögliche Folgen, die Phthalate im Körper nach sich ziehen können, sind: Zellveränderungen an verschiedenen Organen (Leber, Niere, Gebärmutter, Prostata etc.) die zu Krebs führen können. Einige Phthalate wirken auch erbgutschädigend und hormonell auf Föten und Kinder. Es kann zu Frühgeburten kommen, männliche Föten und Jungen können derart „verweiblicht“ werden, dass sie im Mannesalter unfruchtbar sein werden. Auch bei Erwachsenen können sich Phthalate auf den Hormonhaushalt auswirken und bei Männern Unfruchtbarkeit, Übergewicht und Diabetes hervorrufen.

Außerdem sind Jelly-Toys eklig!

Erkennbar sind Jelly-Produkte sehr gut daran, dass sie stinken. Solltet Ihr Euch also mit einem Spielzeug – Dildo, Vibrator, Penissleeve oder -ring, einem Plug, einer Kunstmuschi… – konfrontiert sehen, das „nach Chemie“, „nach Plastik“ oder einfach nur eklig streng oder süßlich riecht, habt Ihr es mit großer Wahrscheinlichkeit mit Phthalaten zu tun. Ein weiteres Merkmal ist, dass diese Toys meist eine ölige Substanz absondern – das sind Weichmacher, die “ausgeschwitzt” werden.

Die Gerüche lassen sich abmildern, wenn man das Spielzeug ordentlich wäscht (was man ja sowieso mit neuen Toys machen sollte), es einige Tage in Wasser legt oder es auslüften lässt. Aber: dass es weniger stinkt, bedeutet nicht, dass es weniger giftig ist!

Ein weiterer Ekelfaktor ist, dass Jelly sehr porös ist. Die Poren sind freilich mit bloßem Auge nicht erkennbar, aber Mikroorganismen wie Hefe- oder Schimmelpilze oder Bakterien können sich in ihnen einnisten und vermehren, was zu Vaginalinfektionen führen kann. Auch gründliches Schrubben oder ein Desinfektionsmittel kann da keine vollständige Abhilfe schaffen.

Ich habe bereits Sexspielzeug aus Jelly – was soll ich tun?
Verwendung mit einem Kondom

Ich will keine Panik verbreiten und halte das auch für unnötig. Wenn man ab und an ein Zigarettchen raucht, ist die Gefahr von Lungen- und Gefäßerkrankungen ja auch nicht gleich signifikant erhöht und so ist es sicherlich auch vertretbar, ab und an ein Jelly-Toy zu benutzen. Aber unbestreitbar ist und bleibt, dass sowohl Tabak als auch Jelly giftig sind, die Gefahr mit der Häufigkeit des Kontakts wächst und es das Beste wäre, es ganz zu vemeiden.

Deshalb: Wenn Ihr das Spielzeug liebt oder wenn ihr es zum Ausprobieren nutzen wollt – benutzt es ruhig, aber bitte mit einem Kondom!
Kondome bieten einen vollständigen Schutz vor Infektionen durch Bakterien oder Pilze, die es sich bereits in den Poren des Materials gemütlich gemacht haben.
Kondome bieten aber keinen vollständigen Schutz vor den Phthalaten, da deren Moleküle die dünne Latexschicht nach einiger Zeit passieren. Die größtmögliche Sicherheit erreicht Ihr deshalb, wenn Ihr direkt vor der Benutzung jedes Mal ein frisches Kondom überzieht.

Getrennte Lagerung

Phthalate sind nicht nur schädlich für den Körper, sondern auch für viele Materialien, aus denen Sexspielzeug besteht. Sie können Kunststoffe angreifen und auflösen. Deshalb lagert Jelly-Produkte unbedingt getrennt von anderem Sexspielzeug und möglichst auch getrennt von einander!

Ein eindrückliches Auflöse-Experiment mit Jelly hat Dangerous Lilly veranstaltet. Sie sperrte zerschnippelte Jelly-Toys für 3 Monate in ein Einweckglas und schaute ihrem Überlebenskampf zu. Hier sind die Ergebnisse zu bewundern:

Melted Sex Toys

Weitere Artikel (die noch mehr weiterführende Links enthalten) findet Ihr ebenfalls bei Dangerous Lilly:

Yes, Jelly Sex Toys can be Dangerous

Toxic Toys – The Definite Guide to Toxic Sex Toy Awareness 

How Porous is Your Sex Toy? Why Does it Matter?

Auch das Team von lovetoytest.net hat sich mit dem Thema beschäftigt und verschiedene Experimente durchgeführt, die das Zerstörungspotential der Weichmacher unter Beweis stellen:
LTT-Forum – Thema: Sexspielzeug-Kunststoffe vertragen sich nicht (hier gibt es am Anfang und im weiteren Verlauf des Threads viele (Foto-)Beweise für die Wirkung von Weichmachern.)

Auch ansonsten solltet Ihr die Toys umsichtig lagern, denn die öligen Substanzen, die sie ausschwitzen, können dauerhaft Flecken verursachen.

Welche Alternativen gibt es?

Inzwischen werden immer häufiger auch Weichmacher verarbeitet, die gesundheitlich unbedenklich sein sollen. Auf den Produktverpackungen steht dann: “Phthalatfrei” o.ä.
Weil man aber als Laie nicht wissen kann, wie man vertrauenswürdige Hersteller von windigen Gesellen unterscheidet, würde ich lieber zu Alternativen aus anderen Materialien und von vertrauenswürdigen Herstellern raten. Es gibt auch Händler, die es sich auf die Fahnen geschrieben haben, ausschließlich Toys aus unbedenklichen Materialien zu verkaufen. Lest dazu am besten die Selbstbeschreibung von Online-Shops oder fragt in Läden die Verkäufer nach ihrer “Philosophie”.

Latex, TPE/TPR, Cyberskin o.ä., Sil-a-Gel o.ä.: Ganz sicher kann man sich hier nicht sein, aber i.d.R. kann man davon ausgehen, dass diese Materialien keine Phthalate enthalten. Vor Latex sollten sich allenfalls Allergiker in Acht nehmen.
Da diese Materialien ebenfalls porös sind, rate ich dazu, auch hier Kondome zu verwenden. Besonders natürlich, wenn Ihr die Sachen untereinander tauscht oder sie sowohl vaginal als auch anal verwendet.

Silikon: Silikon hingegen ist nicht porös, und es ist ungiftig. Hier solltet Ihr jedoch darauf achten, dass der Hersteller 100% reines medizinisches Silikon benutzt. Ein Laie kann freilich nicht feststellen, ob tatsächlich medizinisches Silikon verwendet wird und nicht etwa Industrie-Silikon.2 Manchmal ist nur wenig oder überhaupt kein Silikon drin, wo “Silikon” draufsteht, besonders billige Massenware aus Fernost ist oft betroffen.3 Deshalb kann man nur auf Nummer Sicher gehen, indem man Produkte von vertrauenswürdigen Herstellern kauft.4 Die sind zwar meist etwas teurer, aber ein gutes Gefühl beim Spielen ist letztlich ebenso unbezahlbar wie die Gesundheit.

Andere saubere Sexspielzeug-Materialien, die allerdings puncto Weichheit und Flexibilität kein adäquater Ersatz für Jelly sein können, seien hier nur der Vollständigkeit halber genannt:
Glas, Holz (lackiert nach EN 71-3), Edelstahl, Aluminium , Acryl, ABS, Stein, Keramik

  1. es gibt allerdings günstige und ungiftige Alternativen – dazu werde ich bald ein kleine Liste veröffentlichen  Zurück zum Text
  2. man denke an die Fälle von krebserregenden Silikon-Brustimplantaten vor einigen Jahren  Zurück zum Text
  3. hier ein Besispiel: Testbericht: No-Name-Wand-Massager Da war Silikon als Kopf-Obermaterial angegeben. Ein Test mit dem Feuerzeug gab etwas anderes an – Was? Keine Ahnung!  Zurück zum Text
  4. In meinem Artikel zu Silikon findet Ihr eine Liste, die ich von Dangerous Lilly kopiert habe und um einige weitere, mir bekannte Hersteller ergänzt habe und weiter ergänzen werde.  Zurück zum Text

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